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Magdalena Ganter // Neo Noir

Mal freigeistige Comedienne, mal exaltierte Diva, manchmal auch beides zusammen. Ob entrückte Denkerin und Songwriterin,  sehnsüchtig Liebende oder kindliche Lebensfreudeversprüherin – Chanson noir-Schöpferin Magdalena Ganter schlüpft auf ihrem ersten unter eigenem Namen veröffentlichten Album in viele Rollen, bleibt dabei aber immer: ganz sie selbst. All die Facetten zwischen Stille und Spektakel gehören schließlich zu ihrer vielschichtigen Persönlichkeit, die sie – gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Simon Steger, der ihr schon im Electro-Chanson-Trio Mockemalör zur Seite stand – auf Neo Noir so ungefiltert wie noch nie auf ihr Publikum loslässt. War sie bei Mockemalör noch Kunstfigur, zeigt das Solo-Debüt kein Alter Ego mehr, sondern eine gereifte, bei sich selbst angekommene Künstlerin.

Ganter, deren erste Liebe dem Tanz inklusive klassischer Ballettausbildung, später dem Theater gehörte, lässt sich derweil nicht so leicht festlegen: Ob sie die ganze – auch stimmliche – Ausdrucksbandbreite der studierten Schauspielerin und Sängerin mit in ihre Lieder nimmt oder mit Liebe zum Detail in verschiedene Rollen schlüpft – immer ist sie auf der Bühne ganz in ihrem ureigenen Element, das sie, spielfreudig bis an die Grenze zur Spielwut, auf die aktuellen Studioaufnahmen zu übertragen versteht. Der Flirt mit den Brüchen, mehr noch: den Extremen gehört bei ihr einfach dazu. Varieté verquickt sie mit Jazz, schüttet aus dem Ärmel eine Prise Indie dazu und würzt das Ganze mit atmosphärischen Klängen zu einer wilden, doch hochbekömmlichen Mixtur, über die sie ihre wortwitzdurchwebten Texte scheinbar schwerelos, aber immer mit absoluter Hingabe an ihre Geschichten ausschüttet. Wichtige Inspirationsquelle der Künstlerin mit der unbekümmert, aber nie unbedacht zwischen eindringlichem Flüstern und federleichter Koloratur changierenden Stimme ist die Epoche der Zwanzigerjahre, sei es die tabulose Sinnlichkeit und das Verschwenderische jener wilden Tage, oder schlicht deren Ausdruck und Ästhetik. Und so verquickt Neo Noir dann auch gekonnt den kammerorchestralen Sound der Roaring Twenties mit dem Klang von Magdalena Ganters Werdegang, ihre mehrjährigen Engagements als singende und tanzende Darstellerin an Varietés und Theaterhäusern von Prag bis Amsterdam schillernd spiegelnd. Für atmosphärische Dichte sorgen opulente Streicherflächen, die auf allerlei Perkussives zwischen Scheppern und Rascheln treffen, während der größtenteils gezupfte, teils geschlagene Kontrabass die Verruchtheit einstiger Jazzclubs heraufbeschwört.

Aufgenommen in zwei Phasen – Klavier und Gesang kurz vor dem ersten Lockdown im Februar, die Band kurz nach dem Lockdown im September – steht das Lied selbst im Fokus dieses intimen Albums, das Geschichtenerzählen, das etwas vom Blättern in einem Tagebuch hat. Während dem elektronischen Equipment von Ganters letzter Band nur mit einem Tourbus beizukommen war, sollten ihre eigenen Songs „überall dort funktionieren, wo ein Klavier steht“, wie die Künstlerin sagt. Es war ihr vor allem darum zu tun, ihre in den letzten Jahren gewachsene Sehnsucht, einfach nur Musik zu machen, zu stillen. Und nicht zuletzt um eine gewisse Unabhängigkeit. Denn auch, wenn sie in ihren Live-Shows auf Steger als Pianisten zurückgreift, ist sie selbst auf den Aufnahmen an den Tasten zu hören – die Bedingung von Produzent Tobias Siebert (u.a. And The Golden Choir), um die Platte mit ihr zu machen. Eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als goldrichtig erwies. Neo Noir kreist in dreizehn Vier-Minuten-Miniaturen um lange gewachsene Lebensthemen Ganters: Freiheit, Aufbruch und Emanzipation, aber auch Zweifel, Angst und ihre Überwindung. Sie singt vom Mut, den es zum Losmarschieren braucht, und dem Endlichankommen, ob bei sich selbst oder im gefühlten Zuhause. „Ich fühle mich“, so Ganter, „bei mir wie noch nie.“ Angekommen und angenommen. Und so geht es auf Neo Noir dann auch um Nähe und Verbindung bei einer gleichzeitigen Offenheit für die kleinen Alltagsfluchten, die nicht selten voller Situationskomik stecken, welche bei Ganter – die ihr komödiantisches Talent hier einmal mehr sorgsam kultiviert – wiederum derart lakonisch daherkommt, dass der Hörer nicht weiß, ob er denn nun lachen oder weinen soll. Oder beides.

Text von Victoriah Szirmay

// Kurzbio

Geboren und aufgewachsen im Schwarzwald, lebt Magdalena Ganter heute in Berlin.
An der Universität der Künste studierte sie Gesang / Tanz & Schauspiel und erhielt 2010 für ihre OneWomanPerformance Wädermaidli hän dicki Köpf das Diplom mit Auszeichnung. Im Anschluss tingelte die singende und tanzende Darstellerin für ein paar Jahre zwischen Wien, Prag, Amsterdam und Berlin von Theaterhäusern zu Varietézelten, und wirkte dabei immer mit besonderer Vorliebe an experimentellen Inszenierungen mit, ehe sie sich ganz ihrer kompositorischen Tätigkeit widmete.

2011 gründete sie das Artpoptrio MOCKEMALÖR, mit dem sie bisher drei Alben veröffentlichte. Konzertreisen führten sie durch den gesamten deutschsprachigen Raum, China und Georgien. 
Seit 2018 tritt Magdalena Ganter auch unter ihrem eigenen Namen auf. 
Auf der Bühne ist die Vollblutperformerin in ihrem ureigenen Element. 
Hier gibt sich die Künstlerin ganz ihren Geschichten hin und entführt auf eine fantastisch abgründige Reise. So erinnert sie manch einen an eine junge Marlene Dietrich oder Walesca Gert.
Für ihr Schaffen wurde die Künstlerin mehrfach ausgezeichnet.
Sie ist Hauppreisträgerin des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg 2020, Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg, 1. Förderpreisträgerin des Troubadour Lied- & Chansonwettbewerb Stuttgart und wurde für ihr Schaffen durch die „Initiative Musik“ als auch dem „Deutsche Musikrat“ unterstützt.
Seit 2016 hat Magdalena Ganter einen Lehrauftrag für “Bühnenperformance und Aufführungspraxis” und das Fach “Gesang” an der Hochschule der Populären Künste Berlin.

// Track-by-Track

folgt in Kürze